Connected Care for Elderly People
Ein zentraler Assistent für den Alltag mit Demenz
Wie lassen sich verschiedene technische Assistenzsysteme so zusammenführen, dass sie Menschen mit Demenz im Alltag unterstützen, ohne zusätzliche Komplexität zu schaffen?
Connected Care for Elderly People, kurz CCE, war ein europäisches Forschungsprojekt im Bereich Ambient Assisted Living. Verschiedene Geräte und Sensoren sollten Menschen mit leichter bis mittelschwerer Demenz dabei unterstützen, länger selbstständig in der eigenen Wohnung zu leben.
Dafür entstand mit dem MeMoTray ein zentraler digitaler Assistent, der die Informationen der verschiedenen Systeme an einem Ort zusammenführte.
Entwickelt 2010–2012 am Fraunhofer IGD
Meine Rolle
Ich arbeitete von 2010 bis 2012 als wissenschaftliche Hilfskraft im UX-Team an dem Projekt. Die grundlegende Nutzerforschung und die Personas kamen von einem Projektpartner. Darauf aufbauend war ich an folgenden Aufgaben beteiligt:
- Entwicklung von Use Cases, Nutzungsszenarien und Interaktionsabläufen
- Erstellung und Vergleich unterschiedlicher Wireframe-Konzepte
- Gestaltung der Benutzeroberfläche
- Konzeption und Durchführung von Usability-Tests und Expertenevaluationen
- Planung und Produktion eines Produktvideos
Ausgangslage
Mit fortschreitender Demenz können alltägliche Aufgaben zunehmend schwerfallen. Termine werden vergessen, wichtige Gegenstände nicht gefunden oder elektrische Geräte versehentlich angelassen.
Im Projekt sollten unterschiedliche Geräte und Sensoren dabei helfen. Eine Vielzahl separater Systeme und Oberflächen hätte jedoch selbst neue Komplexität geschaffen. Wir brauchten deshalb einen gemeinsamen Zugang, der die Informationen verständlich zusammenführt.
Research und Konzeption
Die Nutzerstudien eines Projektpartners bildeten die Grundlage für Personas und die weitere Konzeption.
Eine Beobachtung war für den Produktansatz besonders wichtig: In vielen Wohnungen gibt es bereits einen festen Platz für wichtige Gegenstände und Informationen. Dort liegen beispielsweise Schlüssel, Geldbeutel, Notizen oder Unterlagen für anstehende Termine.
Dieser Ort war im Alltag bereits etabliert. Statt eine vollständig neue Routine einzuführen, lag es deshalb nahe, an dieser Gewohnheit anzusetzen.
Von Use Cases zum Produktkonzept
Auf Basis der Personas entwickelten wir konkrete Use Cases und Nutzungsszenarien. Dazu gehörten ein bevorstehender Arzttermin, das Verlassen der Wohnung oder die Erinnerung an ein noch eingeschaltetes Gerät.
Die Szenarien halfen uns, vollständige Abläufe zu betrachten: Was möchte die Person tun? Welche Informationen benötigt sie dafür? Und zu welchem Zeitpunkt muss das System eingreifen?
Gleichzeitig wurde deutlich, dass die einzelnen Assistenzsysteme nicht unabhängig voneinander betrachtet werden konnten. Ein Medikamentenspender erinnerte an die Einnahme, Sensoren erkannten eingeschaltete Geräte und weitere Systeme erfassten wichtige Gegenstände.
Müsste jedes System einzeln bedient werden, würde die technische Unterstützung selbst neue Komplexität erzeugen. Deshalb entstand die Idee einer gemeinsamen Anlaufstelle, die Informationen bündelt und passend zur jeweiligen Situation anzeigt.
Diese Idee verbanden wir mit dem vertrauten Platz für wichtige Gegenstände. Daraus entwickelte sich das MeMoTray: eine Kombination aus physischer Ablagefläche, Touchscreen und digitalem Assistenten.
Das MeMoTray bündelt die Informationen der verschiedenen Systeme und zeigt sie passend zur jeweiligen Alltagssituation. Die Technik bleibt möglichst im Hintergrund. Im Vordergrund steht, was die Person in diesem Moment wissen oder tun muss.
Von der freien Zeitleiste zum vertrauten Kalender
Für die Tagesübersicht entwickelten wir zwei unterschiedliche Wireframe-Varianten.
Die Variante „Ballons“ stellte Termine und Aufgaben als einzelne Elemente entlang einer freien vertikalen Zeitleiste dar. Sie hob Ereignisse visuell deutlich hervor, wich aber stark von bekannten Kalenderdarstellungen ab.
Die Variante „Timegrid“ orientierte sich an einem klassischen Tageskalender. Termine, Aufgaben und Erinnerungen wurden zeitlich eingeordnet und klar voneinander getrennt.
Im direkten Vergleich zeigte sich in den Tests, dass das vertraute Kalenderprinzip und die eindeutigere Struktur der Timegrid-Variante die Orientierung erleichterten. Sie bildete deshalb die Grundlage für die weitere Ausarbeitung.
Die Lösung
Das MeMoTray verbindet eine Ablagefläche für wichtige Gegenstände mit einer digitalen Tagesübersicht und den Informationen der angeschlossenen Assistenzsysteme. Es steht an einem zentralen Ort in der Wohnung und dient als gemeinsame Anlaufstelle für den Alltag.
Ergebnis und Rückblick
CCE entstand als Forschungsprototyp und wurde nicht als eigenständiges Marktprodukt weiterentwickelt. Entscheidend war weniger eine einzelne Funktion als die Übersetzung verschiedener technischer Systeme in eine gemeinsame, verständliche Interaktion.
Für mich war CCE ein frühes UX-Projekt, bei dem Nutzungssituationen, technische Möglichkeiten und die besonderen Anforderungen der Zielgruppe zusammengebracht werden mussten. Die Grundfrage ist heute noch relevant: Je mehr Systeme im Hintergrund zusammenarbeiten, desto wichtiger wird die Entscheidung, was eine Oberfläche zeigt und was sie den Menschen abnimmt.






